Hochmotivierender Auftakt für die neue Bürgerstiftung Bocholt

Fast alle Finger flogen hoch, als Moderatorin Anne Legat ihre Frage „Wer von Ihnen hat denn schon mal zünftig im Schützenhaus gefeiert?“ mit der Bitte um ein kurzes Handzeichen verband. Und kaum weniger stampften anschließend mit den Füßen, als die ergänzende Frage folgte: „Wer möchte denn dort auch künftig wieder feiern?“ Ein hochmotivierender Auftakt für die neue Bürgerstiftung Bocholt. Diese präsentierte rund 500 in einem Zelt auf dem Parkplatz an der Kaiser-Wilhelm-Straße nicht nur sich selbst, sondern gleichzeitig ihre Vision von einem „Bürgerhaus für alle“. Der Erhalt und Ausbau des traditionsreichen Schützenhauses ist das erste große Projekt der Bürgerstiftung. Weitere aus den Bereichen Jugend- und Altenhilfe, Kunst und Kultur, Denkmalschutz und der Denkmalpflege, Naturschutz, Wohlfahrtswesen, Heimatpflege und Brauchtum sollen folgen. Und weil man schon für nur 100 Euro ebenfalls Stifter werden kann, hoffen die Verantwortlichen auf viele Mitstreiter.

Während draußen helle Strahler das altehrwürdige Gebäude in farbiges Licht tauchten, sahen im Zelt die Zuschauerinnen und Zuschauer nach einem Auftritt der Tanzsportgarde des TSV Bocholt in einem Video, wie es nach Monaten des Verfalls heute drinnen aussieht. Die Reaktionen darauf reichten von Kopfschütteln bis Enttäuschung. Aber: „Eine Stadt wie unsere braucht ein repräsentatives Gebäude mit einem Saal auch für größere Veranstaltungen“, forderte Karl-Heinz Bollmann von der Stadtsparkasse, der Hauptinitiator der Stiftung. In die gleiche Kerbe schlug Christa Hoffs von der Bühne Pepperoni. Wer attraktive Künstler nach Bocholt holen wolle, habe im Umkehrschluss ohne eine attraktive Spielstätte keine Chance, so ihr Fazit. Vom „dauerhaften Exil“ in Werth oder Borken die Nase voll haben die Bocholter Narren. Internationale Gäste nicht mal in der eigenen Stadt beherbergen zu können, sei einfach nur peinlich, so Heinrich Mengering vom Bürgerausschuss zur Förderung des Bocholter Karnevals. Markus Schlatt sprach als Vorsitzender des St.-Georgius-Schützenvereins von einer Heimat für seinen und andere Klubs.

Eine mögliche Lösung hatte die Architekten-Gemeinschaft Bock Neuhaus Partner & Scholz parat. Sie schlug vor, sich bei der Neukonzeptionierung des Schützenhauses auf die wesentliche Dinge zu konzentrieren und beispielsweise die aufwändige Sanierung der Terrasse oder des Wintergartens zu streichen. Kernpunkt des neuen Konzeptes müsse ein großer, multifunktionaler Saal sein, so die Experten. Dazu solle das Gebäude nach hinten in Richtung Hindenburgstraße verlängert werden. Das erlaubt es auch Tanzsportvereinen, Vogelliebhabern, Unternehmen oder Parteien, das Haus für Turniere, Ausstellungen oder Kongresse zu nutzen. Selbst für kleine Klubs wie Chöre oder Briefmarkensammler sind Räumlichkeiten vorgesehen.

Aber woher soll das Geld für solche millionenschweren Umbauten kommen? Hier will die Bürgerstiftung Bocholt Verantwortung übernehmen. Allen voran der designierte Vorstand, bestehend aus Marcus Suttmeyer (Vorsitz), Petra-Maria Bröcker (Büroorganisation) und Kai Enck (Kommunikation und Finanzen). Das Trio erläuterte seine Motivation und warb um Unterstützung. Diese erhoffen sich die Verantwortlichen unter anderem vom Land Nordrhein-Westfalen. Das Programm „Initiative Ergreifen“ des Ministeriums Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr in Düsseldorf unterstützt beispielsweise genau solche Projekte, die bürgerschaftliches Engagement und Stadterneuerung wirksam miteinander verknüpfen.

Derweil machte Kai Enck klar, dass die Rettung des Schützenhauses nur der Anfang einer ganzen Reihe von geplanten Projekten sei. Die Bürgerstiftung verstehe sich als „konfessionsneutrale, parteiübergreifende Plattform und Schnittstelle“ für bürgerschaftliches Engagement jeder Art.

„Im Prinzip fängt unser gesellschaftliches Engagement dort an, wo die finanzielle Zuständigkeit und Verantwortung der Stadt und des Staates aufhören“, erläutert Marcus Suttmeyer anschließend in einem persönlichen Gespräch. Nicht alles könne aus Steuern oder Gebühren bezahlt werden. Umso wichtiger seien ehrenamtliche Arbeit und freiwillige Spenden. Letztere kann die Bürgerstiftung allerdings erst nach ihrer rechtsgültigen Anerkennung annehmen, mit der in den kommenden Wochen gerechnet wird.

Informieren können sich Interessenten schon jetzt. Auf der Internetseite www.buergerstiftung-bocholt.de sind alle wichtigen Details erklärt. Unter anderem wird auf die steuerlichen Vorteile des Spendens und Stiftens verwiesen. Auch in den sozialen Medien wirbt die Initiative um Unterstützung. Wer die Bürgerstiftung gut findet und „liken“ möchte, entdeckt sie schnell und einfach auf Facebook.

Übrigens: Für kurzweilige Unterhaltung zwischen den informativen Teilen sorgte Bauchredner Jörg Jara mit seine Opa-Puppe Erwin Jensen („wollt ihr Nüsse?“) sowie der entzückenden Dodo. Auf die Gäste wartete schließlich noch einen schöne Überraschung, als die Spenden im Rahmen der Jubiläumsspendenaktion „175 x 1000€“ der Stadtsparkasse Bocholt verteilt wurden. Wer wollte, konnte dann noch das Schützenhaus besichtigen.

2016-11-09T14:31:02+00:00